Grundwissen
Was ist Partizipation in der Gemeinde?
Demokratie beginnt im Kleinen – mit echter Beteiligung.
Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, mitzubestimmen – auch bei politischen und gesellschaftlichen Fragen. Partizipation bedeutet, dass junge Menschen an Entscheidungen beteiligt werden, die ihr eigenes Leben und das Miteinander in der Gemeinschaft betreffen. Sie bringen ihre Sichtweisen ein und helfen dabei, Lösungen für Herausforderungen zu finden.
Wichtig dabei: Partizipation ist nicht gleich Partizipation. Schon bei der Planung sollte überlegt werden, wie stark Kinder und Jugendliche einbezogen werden können. Ein klarer Rahmen schafft Transparenz, beugt Enttäuschungen vor und macht Beteiligung für alle Seiten berechenbar. Dabei gilt: Nicht immer ist mehr auch besser – die passende Stufe der Beteiligung hängt von Alter, Thema und Rahmenbedingungen ab.
über Partizipation hinaus
Selbstorganisation
Die Zielgruppe setzt Projekte in eigener Verantwortung um und trifft alle Entscheidungen selbst.
Partizipation
Entscheidungsmacht
Die Zielgruppe initiiert ein Vorhaben und bestimmt alle wesentlichen Aspekte gemeinsam und selbst. Es gibt eine Begleitung von anderen.
Mitbestimmung
Die Zielgruppe hat ein Mitspracherecht und kann bei bestimmten Aspekten mitentscheiden. Die Gesamtverantwortung liegt bei anderen.
Einbeziehung
Die Zielgruppe kann ihre Ideen einbringen aber verfügt über keine Entscheidungskraft.
Vorstufe von Partizipation
Konsultation/Beratung
Die Zielgruppe wird um ihre Meinung gefragt, aber sie hat nicht in der Hand, ob ihre Meinung berücksichtigt wird.
Information
Die Zielgruppe wird über ein Vorhaben informiert.
Nicht- Partizipation
Information
Die Zielgruppe trifft keine Entscheidungen, ihre Bedürfnisse und Belange sind irrelevant.
Warum Partizipation in der Gemeinde?
Wir leben in Luxemburg in einer Demokratie. Unsere Demokratie braucht (junge) Menschen, die sich einmischen.
Pädagogische Räume sind ideale Orte, um demokratisches Verhalten zu üben. In einem sicheren und unterstützenden Umfeld können Kinder und Jugendliche erleben, was Mitbestimmung, Verantwortung und respektvolles Miteinander bedeuten – ganz praktisch und lebensnah.
Demokratie lernen bedeutet:
- eigene Bedürfnisse entdecken und sich eine eigene Meinung bilden,
- andere Interessen, Bedürfnisse und Meinungen wahrnehmen und berücksichtigen,
- Selbstreflexion üben,
- Verantwortung übernehmen und sich einsetzen,
- Selbstwirksamkeit erleben,
- demokratische Prozesse kennenlernen.
Partizipation ist ein Grundrecht von Kindern und Jugendlichen.
Das Recht auf Mitbestimmung in allen Fragen, die sie betreffen, ist in der luxemburgischen Verfassung (Artikel 15) und in der UN-Kinderrechtskonvention (Artikel 12) festgeschrieben. Auch im Schulgesetz und im Bildungsrahmenplan für non-formale Bildung wird Partizipation als wichtiger Bestandteil der Bildung gesehen und unterstützt.
Partizipation bietet Chancen für Kinder und Jugendliche UND für Gemeindevertreter*innen:

Kinder und Jugendliche können …
- in direkten Kontakt mit Entscheidungsträger*innen treten,
- bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitbestimmen,
- ihr Wissen über die Gemeinde vertiefen,
- sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen,
- sich der Gemeinde stärker zugehörig fühlen.
Gemeindeverantwortliche können …
- den Zusammenhalt, das Gemeinschaftsgefühl und die Bindung zur Gemeinde stärken,
- Politik nahbar machen und das Vertrauen in die Politik stärken,
- die Gemeinde inklusiver gestalten,
- mehr Ideen für komplexe Herausforderungen finden,
- langfristig Ressourcen wie Zeit und Geld schonen, da die Lösungen weniger nachgebessert werden müssen, auch wenn Beteiligung zuerst ressourcenaufwendig ist.
ABER:
Beteiligung ist nicht für jede Problemlage gewinnbringend und schlechte Beteiligung führt zu Frust. Dann ist der Schaden größer als der Nutzen. Zum Beispiel, wenn …
- Beteiligung als Alibi genutzt wird,
- die Kinder und Jugendlichen zu Themen beteiligt werden, zu denen die Gemeinde schon alle Entscheidungen getroffen hat,
- Beteiligung nichts kosten darf und keine Personal- und Zeitressourcen zur Verfügung stehen,
- Beteiligung mit Information verwechselt wird,
- die Gemeinde sich aus dem Beteiligungsstress heraushält.
Was braucht Partizipation in der Gemeinde?
Klare Voraussetzungen verbessern die Chancen auf Erfolg und minimisieren die Risiken:
Rahmenbedingungen
- Ziele des Vorhabens definieren
- finanzielle und zeitliche Ressourcen festlegen
- Beteiligungsrahmen und Beteiligungsstufen klären
- für die Zielgruppe relevantes und interessantes Thema angehen
Begleitung
- projektverantwortliche Person bestimmen
- Ansprechpersonen in der Gemeinde und anderen beteiligten Organisationen bestimmen
Transparente Kommunikation
- Reaktionen und Entscheidungen der Gemeinde kommunizieren
Zeitnahe Umsetzung
- Zwischenziele definieren und zeitnahe Etappenziele sichtbar machen
- Gründe für Verzögerung oder lange Umsetzungsdauer verständlich kommunizieren
Niedrigschwellige Beteiligung
- Kommunikationsstil an die Zielgruppe anpassen
- passende Beteiligungsformen und Methoden auswählen
- gute Balance zwischen Verbindlichkeit und Flexibilität suchen
Qualifizierung aller Beteiligten
- offene Haltung: gemeinsam lernen durch den Beteiligungsprozess
- sich mit anderen Akteuren (innerhalb der Gemeinde) vernetzen, um Kompetenzen zu bündeln (z. B. methodische, pädagogische, kommunikative und organisatorische Kompetenzen)
Zukunftsperspektive
- Nachbereitung des Projekts klären
- mögliche weiterführende Projekte ableiten, um die lokale Beteiligungskultur zu stärken
Wer ist betroffen?
Sich mit anderen Akteuren vernetzen heißt Ressourcen schonen und sich sinnvoll ergänzen.
- Gemeinde (Gemeinderat, Verwaltung, Gemeindekommissionen)
- Kinder und Jugendliche, die in der Gemeinde leben oder sich dort viel aufhalten
- pädagogische Einrichtungen (Schule, SEA, Jugendhaus, sonstige soziale Einrichtungen)
- kulturelle Akteure
- lokale Wirtschaft
- lokale Vereine
- externe Akteure, die an Projekten beteiligt sind (Stadtplanungsbüro, Architekturbüro, …)
Was macht die Begleitperson?
Projekt koordinieren
- Ziel und Beteiligungsrahmen des Projekts klären
- herausfinden, in welcher Form die Zielgruppe sich beteiligen möchte
- konkrete Rollenverteilung mit den Gemeindeverantwortlichen klären
- als Bindeglied zwischen Gemeinde und Zielgruppe fungieren
- lokal und ggf. national mit relevanten Akteuren vernetzen
- für Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit sorgen
- für Sichtbarkeit des Projekts sorgen
Beziehung aufbauen
- Vertrauensverhältnis für die Zusammenarbeit schaffen
- emotionale Unterstützung bieten
- Zielgruppe motivieren (kleine Erfolge sichtbar machen, kurze Etappenziele definieren, Engagement anerkennen, bei Fehlschlägen motivieren, weiterzumachen)
Zwischen Politik und Zielgruppe vermitteln
- Dialog auf Augenhöhe und gleichberechtigte Kommunikation ermöglichen
- Missverständnisse aufklären und Konflikte lösen
- politische Entscheidungen und Herausforderungen in eine angepasste Sprache „übersetzen“
- Handlungsmöglichkeiten für politische Veränderungen aufzeigen
- den Teamgeist stärken
- die Teilnehmenden dabei unterstützen, sich selbst zu organisieren
Offene und selbstreflektierende Haltung einnehmen
- „Fehler“ oder Rückschläge als Lernmöglichkeit sehen
- Konflikte konstruktiv nutzen
- Fokus auf die Projektentwicklung legen
- offen sein und Geduld haben
- unterstützen, ohne zu bevormunden
- erkennen, wo man Unterstützung braucht
- mit Humor herangehen
- Balance zwischen eigenen Erwartungen und Vorstellungen der Zielgruppe finden
Eine persönliche oder berufliche lokale Verankerung der Begleitperson ist von Vorteil. In diesem Fall ist sie mit lokalen Akteuren, Herausforderungen, Chancen und bestenfalls der Zielgruppe vertraut.
Mögliche Begleitpersonen:
- Erzieher*innen (Maison Relais, Jugendhaus, Schule, andere Einrichtungen …)
- Lehrer*innen
- Mitarbeitende der Gemeindeverwaltung
- Mitglieder von Gemeindekommissionen
- freischaffende Personen, z. B. im Bereich der Bürgerbeteiligung
Welche Beteiligungsformen gibt es?
Offene Formen
Sich mit den Gemeindeverantwortlichen in einem lockeren Rahmen austauschen
Hearing, Umfrage
Forum
Aufsuchende Beteiligung
…
Projektbezogene Formen
Planung des öffentlichen Raums
Mitgestaltung einer Veranstaltung
(Um)Bau von öffentlichen Einrichtungen (Maison Relais, Schule, Jugendhaus, Kulturzentrum, …)
Sonstige partizipative Projekte in Zusammenarbeit mit der Gemeinde
…
Gremien
Kinder- oder Jugendgemeinderat
beratende Kommissionen
…
Offene Formen
- Können regelmäßig veranstaltet werden.
- Werden häufig von den Gemeinden initiiert, um einen Austausch zu einem bestimmten Thema zu schaffen.
- Können zu konkreten Projekten oder längerfristigen Beteiligungsprozessen führen.
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Chancen
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Grenzen
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Projektbezogene Formen
- Ein Projekt kann sowohl von der Zielgruppe als auch von der Gemeinde ausgehen.
- Es gibt ein konkretes Anliegen, z. B. Gestaltung des öffentlichen Raums oder einer öffentlichen Einrichtung (Maison Relais, Jugendhaus, Kulturzentrum …), Organisation einer Veranstaltung …
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Chancen
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Grenzen
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Gremien: der Kinder- oder Jugendgemeinderat
- Vertritt auf Dauer die Interessen der Zielgruppe in der Gemeinde.
- Bildet die Strukturen der Erwachsenengremien nach.
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Chancen
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Grenzen
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Besser digital?
Digitale Tools bieten viele Chancen, Beteiligung transparent und zielgruppengerecht zu gestalten – und mehr Kinder und Jugendliche zu erreichen. Besonders bei Umfragen sind digitale Tools praktisch und effektiv. Sie können auch beim Projektmanagement unterstützen und die Kommunikation erleichtern.
Doch der persönliche Kontakt bleibt unverzichtbar. Digitale Beteiligung funktioniert am besten in Kombination mit Offline-Aktivitäten. So wird der Austausch gefördert, verschiedene Perspektiven werden sichtbar und Kinder und Jugendliche lernen, respektvoll damit umzugehen.
Welche Themen eignen sich?
Grundsätzlich eignen sich alle Themen, die für Kinder, Jugendliche und die Gemeinde relevant sind, für Beteiligungsprojekte. Wichtig ist, dass das Thema auch zur Aufgabenstellung und Ausrichtung der Gemeinde passt.
Zur Orientierung: Gemeinden haben sowohl Pflichtaufgaben (z. B. öffentliche Sicherheit, Schulwesen, Abfallentsorgung) als auch freiwillige Aufgaben (z. B. Freizeitangebote, Jugendzentren, Umweltprojekte). Diese Bereiche bieten viele Anknüpfungspunkte für eine aktive Beteiligung junger Menschen.
| Pflichtaufgaben | Freiwillige Aufgaben |
| Gemeindeverwaltung
Raumplanung Bautenreglement Öffentliche Ordnung Wasserversorgung Abwasserentsorgung Stromversorgung Müllentsorgung Friedhof Lokale Verkehrsregelung Kommunale Straßen(wartung) Fahrradwege Sozialhilfe (u. a. Office social) Grundschule (Gebäude und Personal) Umwelt (z. B. Maßnahmen gegen Luftverschmutzung, Überschwemmungen) Standes- und Bevölkerungsamt Wahllisten |
Jugendhaus
Sportanlagen Tourismus Kinderbetreuungsstrukturen Spielplätze Angebote für Senior*innen (z. B. Rufbus) Sozialer Wohnungsbau Kultureinrichtungen Finanzielle Unterstützung von Vereinen Förderung des interkulturellen Zusammenlebens Musik- und Sprachenunterricht Initiativen für Klimaschutz |
Wie wird ein Beteiligungsprojekt geplant?
Gute Vorbereitung ist entscheidend.
Damit ein Beteiligungsprojekt gelingt, sollten sich alle beteiligten Akteure frühzeitig abstimmen. Eine gemeinsame Linie hilft, Missverständnisse zu vermeiden und klare Erwartungen zu schaffen. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, gemeinsame Beschlüsse schriftlich festzuhalten oder ein einfaches Abkommen zu schließen.
Diese Fragen helfen bei der Planung:
- Warum soll das Beteiligungsprojekt durchgeführt werden?
- Was soll mit dem Projekt erreicht werden?
- Wer ist die Zielgruppe? Was sind ihre Interessen, Bedarfe und Gewohnheiten? Wie soll die Zielgruppe angesprochen werden?
- Welche Form soll das Projekt annehmen? Welche finanziellen Ressourcen gibt es?
- Wie lange soll das Projekt dauern?
- Wer begleitet das Projekt?
- Wer ist Teil des Projekts? Wer hat welche Rolle? Wer entscheidet was? Wer sind die Ansprechpersonen?
- Was geschieht mit den Resultaten?
- Wie wird das Projekt evaluiert?