Altersgerechte Beteiligung
Lasse dich auf Partizipationsprojekte ein! Ob mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen: Beteiligungsprojekte sind wertvoll und machbar. Mit klarer Haltung und guter Vorbereitung kannst du viel bewegen. Diese Tipps unterstützen dich bei Planung und Umsetzung:
- Betrachte Kinder und Jugendliche als Expert*innen ihres Alltags.
- Begegne Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe und nimm sie ernst.
- Bleibe verantwortlich, auch wenn Kinder und Jugendliche sich beteiligen.
- Passe die Methoden an Kinder und Jugendliche an.
- Schaffe genügend Ressourcen.
Kinder
Kinder verbringen viel Zeit in ihrer Gemeinde – sie kennen ihre Umgebung gut und haben oft ein feines Gespür dafür, was funktioniert und was fehlt. Beteiligungsprojekte mit Kindern sollen vor allem eins: neugierig machen und zum Mitdenken anregen.
Kinder lernen soziale Regeln, Werte und Rollen zuerst in der Familie – und übertragen diese Erfahrungen später auf Kita, Schule und ihr Umfeld. Partizipation ist ein Lernprozess: Kinder brauchen Erwachsene, die sie dabei begleiten, bestärken und als Vorbilder handeln.
Partizipation beginnt früh – und ganz konkret:
Erwachsene können Kinder unterstützen, indem sie ihnen helfen, eigene Bedürfnisse zu entdecken, ihre Meinung zu äußern und ihrem Alter gemäß Entscheidungen mitzugestalten. Das gelingt, wenn wir aufmerksam beobachten, passende Entscheidungsspielräume bieten und Meinungsbildung aktiv fördern.
- Information ist die Basis von Partizipation: Projekte, bei denen Kinder auf spielerische Art die Gemeinde kennenlernen, sind eine wichtige Grundlage für Beteiligungsprojekte in der Gemeinde.
- Beteiligungsprojekte zu Orten und Angeboten in der Gemeinde, an und mit denen Kinder gerne Zeit verbringen (z. B. Spielplatz, Schulweg), eignen sich besonders.
- Gremien wie der Kindergemeinderat können gut in den Alltag von Einrichtungen wie Maison Relais oder Schule integriert werden.
0-4 Jahre
In der Familie erwerben Kinder erste soziale Kompetenzen: Sie lernen, Regeln zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen – und dass ihre Meinung zählt. Diese frühen Erfahrungen prägen ihr Bild von Gemeinschaft und Mitbestimmung. Wenn Kinder spüren, dass sie etwas bewirken können, steigt auch ihre Motivation, sich in anderen Lebensbereichen zu engagieren.
Mit der Zeit wächst ihr Umfeld: Sie kommen mit Tageseltern, Kitas, Vereinen, Spielplätzen und weiteren Angeboten der Gemeinde in Kontakt. Genau hier entstehen wertvolle Chancen, Partizipation ganz praktisch zu erleben – Schritt für Schritt, altersgerecht begleitet.
- Kleinkinder sind stark auf die engen Bezugspersonen angewiesen. Für die Kinderfreundlichkeit in der Gemeinde ist sowohl das Feedback der Kinder als auch das ihrer Bezugspersonen wichtig.
- Kommunikation über Beobachtung:
- Erwachsene beobachten die Körpersprache von Kleinkindern, um ihre Bedürfnisse zu erkennen.
- Erwachsene formulieren ihre Beobachtungen und spiegeln sie den Kindern, sprachlich oder anhand von Bildern, zurück und halten sie fest.
- Durch die Teilhabe innerhalb der Familie und der Institutionen führen Erwachsene das Kind schrittweise an die Teilhabe innerhalb der Gemeinde heran.
Tipps
- Begleite Kinder dabei, nach und nach die Gemeinde zu entdecken.
- Befrage Eltern/Fachpersonal in einem Workshop, einer Vertretung oder punktuell: Wo und wie bewegen Kinder sich innerhalb der Gemeinde? Welche Angebote werden genutzt? Welche Angebote fehlen? Welche Plätze machen den Kindern Spaß? Welche Plätze mögen sie nicht so gern? Wieso?
- Überlege, bei welchen Aspekten auch Kleinkinder in der Gestaltung der Gemeinde mitwirken können, in der Raumgestaltung als auch in der Umsetzung (ggf. durch reduzierte Entscheidungsmöglichkeiten).
- Nutze Beobachtungen, um den Alltag der Kleinkinder in der Gemeinde inklusiver zu gestalten.
- Nimm eine offene Haltung ein:
- Kinder dürfen ausprobieren, entdecken und erleben.
- Kinder werden in den Alltag einbezogen und unternehmen dadurch erste Schritte der Beteiligung.
4-6 Jahre
Kinder begegnen vielen gemeindlichen Strukturen – in der Schule, in der Maison Relais und in ihrer Freizeit. Wenn sie hier mitgestalten dürfen, sammeln sie wichtige Selbstwirksamkeitserfahrungen: Sie erleben, dass ihre Meinung zählt und dass sie Einfluss nehmen können.
Auch der öffentliche Raum wird nach und nach Teil ihrer Lebenswelt – ob Schulweg, Spielplatz, Verein oder Kultureinrichtungen. Partizipation hilft Kindern, diesen Raum aktiv zu entdecken, mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen.
Tipps
- Schaffe einen klaren Rahmen: Fang mit kleinen Projekten an und steigere diese nach und nach.
- Setze Fantasie mithilfe von Zeichnungen oder Modellbau ein. „Übersetze“ Ideen in reale Auswahlmöglichkeiten.
- Visualisiere Projektetappen.
- Nutze leicht verständliche Methoden.
- Nutze einfache Sprache, Bilder und Piktogramme.
- Setze einfache und klare Regeln.
- Überlege, bei welchen Aspekten auch Kinder in der Gestaltung der Gemeinde mitwirken können, in der Raumgestaltung als auch in der Umsetzung (ggf. durch reduzierte Entscheidungsmöglichkeiten).
- Stelle Kunst von Kindern in der Gemeinde aus und beteilige sie dabei an der öffentlichen Raumgestaltung.
6-8 Jahre
Kinder lernen zunehmend, eigene Meinungen zu bilden und zu äußern. Dafür brauchen sie kindgerechte Beteiligungsformen – z. B. im Morgenkreis, im Kindercomité oder durch kreative Ausdrucksformen wie Malen, Basteln oder Rollenspiele.
In solchen Prozessen entwickeln sie ein erstes ethisches Verständnis und lernen, unterschiedliche Sichtweisen zu respektieren. Sie erleben, dass ihre Ideen zählen – auch wenn nicht immer alles umgesetzt wird. Das stärkt ihre Frustrationstoleranz und unterstützt sie darin, sich als selbstwirksam und als wertvoller Teil der Gemeinschaft zu erleben.
Tipps
- Lasse Kinder Regeln mitbestimmen und -gestalten.
- Nutze einfache Sprache, Bilder und Piktogramme.
- Setze einfache und klare Regeln.
- Offene Raumgestaltung: Räume, in denen sich Kinder frei bewegen können und sie selbstständig Materialien entnehmen können, fördern ihre Entscheidungsfreiheit.
- Beziehe die Kinder ein, wenn es darum geht, sichere Räume für sie zu schaffen, z. B. auch für den Schulweg oder den Weg zum Spielplatz.
- Höre den Kindern zu und umgekehrt: So lernen Kinder, sich gegenseitig zuzuhören.
- Ermutige Kinder aktiv, mit Erwachsenen zu diskutieren und Feedback zu geben.
Methodenbeispiele
- Gremienarbeit wie z. B. ein Kindercomité und Kindergemeinderat (besuchen, beobachten, aktiv mitmachen)
- Meckerbox für schriftliches oder bildliches Feedback an die Gemeinde
- Kindersprechstunden
8-12 Jahre
Kinder entwickeln ein immer stärkeres Bewusstsein für sich selbst und ihr Umfeld. Sie lernen, eigene Interessen zu formulieren, die Sichtweisen anderer zu verstehen und Kompromisse einzugehen. Das stärkt ihre sozialen Fähigkeiten und ihr Verantwortungsgefühl.
Mit zunehmendem Alter wächst auch ihr Wunsch nach Selbstwirksamkeit. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, braucht es echte Mitentscheidungsmöglichkeiten bei Themen, die ihren Alltag betreffen – ob in der Kita, Schule oder Freizeit. Beteiligung wird so zu einem wichtigen Teil ihrer Entwicklung.
Tipps
- Lasse Kinder Regeln mitbestimmen und -gestalten.
- Beziehe Kinder in die Planung, Umsetzung und Instandhaltung der Räume, in denen sie sich aufhalten, ein.
- Nutze Ausdrucksformen der Kinder- und Jugendkultur.
- Thematisiere kontroverse Fragen, um Kinder dabei zu unterstützen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
- Ermögliche den Kindern, Erwachsenen Feedback zu geben.
Methodenbeispiele
- Stadtteilbegehung
- Besuch der Gemeinde und Austausch mit Politiker*innen
- Meckerbox für schriftliches oder bildliches Feedback an die Gemeinde
- altersgerechte Bücher und Informationsmaterialien
- Kindersprechstunden
- Kinderkonferenz (Chico, Kajuko, …)
- Kindergemeinderat (besuchen, beobachten, aktiv mitmachen)
- Kindersprechstunden
Jugend
Jugendliche durchlaufen eine wichtige Phase der Identitätsfindung und suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Diese Phase kann herausfordernd sein – emotional, sozial und organisatorisch –, bietet aber auch große Chancen für echte Beteiligung. Beteiligung hilft den Jugendlichen dabei, Selbstvertrauen und Verantwortung zu entwickeln.
Mit dem Wechsel in den Sekundarunterricht außerhalb der Gemeinde wird es schwieriger, die Jugendlichen zu erreichen. Deshalb brauchen Beteiligungsprojekte flexible und jugendgerechte Formen.
- Jugendliche können mittel- und langfristige Folgen oft erst nach und nach einschätzen. Beteiligungsformate, die spannende Themen aufgreifen und schnelle Ergebnisse zeigen, sind daher meist motivierender als langwierige Projekte.
- Grenzerfahrungen und -überschreitungen sind ein Entwicklungsschritt in der Jugendphase. Oft werden die Erwartungen der Erziehungsberechtigten oder gesellschaftliche Normen bewusst missachtet. Es gilt, einen partizipativen Umgang mit dem Protest und dem Austesten von Grenzen der Jugendlichen zu finden, ohne dabei den Rahmen der Projekte und die Interessen anderer aus den Augen zu verlieren.
- Beziehungsarbeit und die Zusammenarbeit mit wichtigen Bezugspersonen der Jugendlichen sind entscheidend.
Jugendliche erreichen
- Der Kontakt zu Jugendlichen funktioniert am besten über Beziehungsarbeit.
- Brückenpersonen mit ins Boot holen: Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen in der Schule, Jugendarbeiter*innen, Leitung von Pfadfindergruppen, Trainer*innen, …
- „Mund-zu-Mund-Propaganda“ von bereits gewonnenen Jugendlichen nutzen (Peer-to-peer-Ansatz).
- Aufsuchende Beteiligung: Jugendliche an den Orten aufsuchen, an denen sie sich aufhalten.
- Präsenz im öffentlichen Raum, Aufmerksamkeit erregen und eine jugendgerechte, dynamische Öffentlichkeitsarbeit sichern mithilfe von sozialen Medien, Kampagnen, Informationstreffen, …
Jugendliche bei der Stange halten
- Identifikation mit dem Projekt sicherstellen
- Themen angehen, die auf wirkliches Interesse stoßen
- Handlungsspielräume und Entscheidungsmacht nicht nachträglich eingrenzen
- mit kleinen, zeitlich gebundenen und schnell umsetzbaren Projekten anfangen respektive (Zwischen-)Ziele nutzen, damit Beteiligte die Fortschritte erkennen und Erfolgserlebnisse feiern können
- langwierige Prozesse vermeiden
- den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen und echtes Interesse an ihren Ideen und Vorschlägen haben
- den Jugendlichen vertrauen, sie ernst nehmen und ihnen Verantwortung übertragen
- die Jugendlichen aktiv am (Gesamt-)Prozess mitwirken lassen, um so einer Alibi-Beteiligung entgegenzuwirken
- in Teambuilding investieren: soziale und gesellige Momente schaffen
- Anerkennung für das Engagement der Jugendlichen sicherstellen
- Kunst als Ausdrucksform nutzen
12-16 Jahre
Jugendliche brauchen echte Mitbestimmungsmöglichkeiten, die zu ihrem Alltag passen – zum Beispiel bei Freizeitangeboten, öffentlichem Raum oder Umweltthemen. Wenn sie verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, stärkt das ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit und fördert ihr demokratisches Engagement.
Tipps
- Nutze spielerische Elemente, ohne jedoch zu kindisch zu sein.
- Suche abwechslungsreiche und kurzweilige Methoden.
- Nutze digitale Tools.
- Nutze Elemente der nonverbalen Kommunikation (z. B. visuelle Darstellungen) und einfache Sprache.
- Gestalte den Raum spielerisch, bunt, flexibel (mobiles Inventar wie Stühle und Sitzsäcke) und einladend (angenehmes Lichtverhältnis, Bequemlichkeit, …).
- Nimm eine unterstützende Haltung ein und hol die Jugendlichen dort ab, wo sie stehen. Beteiligung muss freiwillig, transparent und auf Augenhöhe stattfinden.
- Mache Entscheidungsprozesse nachvollziehbar und finde einen partizipativen Umgang mit dem Austesten von Handlungsspielräumen und Grenzen.
- Lass die Jugendlichen auch mal moderieren, um Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit zu stärken.
- Investiere Energie und Zeit in Teambuilding.
ab 16 Jahren
In dieser Lebensphase suchen junge Menschen ihre eigene, unabhängige Lebensweise und entwickeln ihre Werte. Die Form von Beteiligung in der Gemeinde kann je nach Interessen der Einzelnen sowie der Peer Groups stark variieren: von punktueller, offener Beteiligung zu fester Gremienarbeit. Wichtig sind dabei transparente Strukturen und die Anerkennung ihres Engagements. So erleben sie sich als aktive Gestalter*innen ihrer Lebenswelt und Gesellschaft.
Tipps
- Nutze kreative Methoden ohne Spielcharakter, die das Gefühl vermitteln, ernstgenommen zu werden.
- Greife auf digitale Tools zurück, um zeitliche und geografische Grenzen zu überwinden.
- Teste komplexere Begriffe und entwickle sogar vielleicht eine eigene Sprache in Bezug auf ein Thema.
- Richte den Raum gemütlich, aber auch pragmatisch und einfach ein mit einigen Sitzgelegenheiten.
- Nutze Arbeitstools (z. B. Karteikarten und Flipcharts), um zu zeigen, dass auf ein Ziel hingearbeitet wird und Ergebnisse gesichert werden sollen.
- Sehe dich als „Übersetzer*in“ und Impulsgeber*in.
- Verteile konkrete Aufgaben und lass die Teilnehmenden sich bereits im Vorfeld des Projekts an der Organisation beteiligen.
- Kommuniziere Ergebnisse transparent.
- Investiere Energie und Zeit in Teambuilding.